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Vidor

Charles-Marie Widor

Lyon 1844 - Paris 1937

Organist der Cavaillé-Coll-Orgel in Saint-Sulpice (1870-1934)

Sohn des von elsäßischen Orgelbauern abstammenden Organisten der Kirche Saint-François de Sales in Lyon. Wichtige, zu Unrecht in Vergessenheit geratene Figur der französischen Musik der Dritten Republik. Ständiger Sekretär der Académie des Beaux-Arts, Titular der Großorgel von Saint-Sulpice von 1871 bis 1934.

Widor, ein Aristokrat der Orgel, verkörpert vielleicht das stärkste Streben nach Anpassung an die Klangwelt von Cavaillé-Coll, und zwar in allen Phasen, bei allen im Laufe der Jahrzehnte entstandenen grandiosen Werke. Seine Orgelwerke sind Ausdruck des Bemühens, die große Form zu schaffen. Mehr noch als Franck ist er der Begründer der Orgelsymphonie.

Widor hat zwar fast vierundsechzig Jahre lang an der Orgel von Saint-Sulpice gearbeitet, und einige seiner Kompositionen gründen auf Themen der Liturgie. Es findet sich aber bei ihm kein einziges "zweckbetontes" Stück wie „L‘Organiste" von Franck, "L‘Organiste Liturgiste" von Guilmant oder "L‘Orgue à l‘Eglise" von Gigout. Stärker noch als Saint-Saëns mit seinem herrlichen Orgelwerk, das aber nicht sehr umfangreich und sehr klassisch geprägt ist, bemüht sich Widor ständig, die Grenzen des Instruments zu sprengen. Er schreckt vor keiner technischen Wundertat zurück – wenngleich immer im Dienste einer überzeugenden musikalischen Entwicklung – und benutzt die Klangpalette und die symphonische Flexibilität der Werke von Cavaillé-Coll, um diesen denselben Stellenwert zu verleihen, wie ihn das Symphonieorchester besitzt.

So ist er souveräner Akteur der großen Liturgie und darüber hinaus eines musikalischen Lebens, dessen Reichtum selten seinesgleichen findet. Widor hat oft wiederholt, was er Cavaillé-Coll verdankt, sowohl musikalisch als auch bezüglich seiner Karriere. Denn die Großorgel von Saint-Sulpice als 26jähriger Mann aus der Provinz zu spielen, war nicht jedem gegeben, selbst wenn Widor mit dem musikalischen Leben von Paris durchaus vertraut war, insbesondere in den Salons, wo seine Kammermusik mit Harmonium ihm erste Türen geöffnet hatte. In der Kirche von Saint-Sulpice tritt sein Schüler Marcel Dupré (1886-1971), vielleicht der größte Organist des 20. Jahrhunderts, im Jahre 1934 seine Nachfolge an, sodaß beide Musiker hier exakt hundert Jahre Orgelmusik produziert haben. Gibt es auf der Welt einen ähnlich herausragenden Ort der Orgelmusik?

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