



Werkstatt Rue de Vaugirard 94-96 " Salle de Concerts Spirituels "
Im April 1854, zwei Monate nach seiner Heirat mit Adèle Blanc, läßt sich Aristide Cavaillé-Coll mit seinen Arbeitern in den beiden durch einen Hof voneinander getrennten Gebäuden, auch "Alter Konzertsaal für geistliche Musik" genannt, in der Rue de Vaugirard 94-96 nieder. Er bleibt dort bis zum Sommer 1868.
Dieser "Konzertsaal für geistliche Musik" wird von François-Xavier Croizier (1808-1887) aus eigenen Mitteln erbaut. Dieser Schüler von Coron will dort geistliche Musik unterrichten. Die Einrichtung wird im Dezember 1852 unter dem Namen "Conservatoire de Musique Religieuse" (Schule für geistliche Musik) eröffnet. Hierzu gewinnt Croizier beste Unterstützung beim Klerus, nicht aber bei der Regierung, vertreten durch Hippolyte Fortoul, Minister für öffentliche Erziehung und Religion, dessen wichtigster Mitarbeiter ein gewisser Hippolyte Blanc ist, seit kurzem Schwager von Aristide Cavaillé-Coll! Die Gebäude sind geräumig und beinhalten insbesondere einen Saal im byzantinischen Stil, erbaut nach den Zeichnungen des Architekten Chabouille und von Tournante und Gournet mit gemalten Fresken dekoriert. ("Gazette Musicale", Nr. 6, 2. Januar 1853; "Le Menestrel", Nr. 5, 2. Januar 1853)
Durch die Vermittlung von zwei Persönlichkeiten kommt es zu einer eifrigen politischen Initiative. Louis Niedermeyer (1802-1861), ein gebürtiger Schweizer mit französischer Staatsangehörigkeit, ehemaliger Schüler von Moscheles und Förster in Wien, knüpft freundschaftliche Beziehungen zu dem musikbegeisterten, den Gesang liebenden Joseph Napoléon Ney, Prinz der Moskowa (1803-1857), Sohn von Marschall Ney. Beide gewinnen aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Beziehungen in Politik und Finanz sehr rasch die Unterstützung von Adolphe Thiers. Joseph Ney ist seit 1828 mit der Tochter des Bankiers Lafitte verheiratet, einem der Partner von Henri Place. Die Machthaber liebäugeln mit der Gelegenheit, sich der Idee von Croizier zugunsten von Niedermeyer zu bemächtigen. Ein Erlaß vom 24. August 1853 verkündet die Gründung der „Ecole Niedermeyer". Die positiv gestimmte Presse feiert „die ersehnte Wiederauferstehung den alten Musikschulen (Idee von Choron und Croizier), mit einem zusätzlichen Vorteil: Zentralisierung und somit Vereinheitlichung von Lehre und Unterricht. Viele gute Dinge auf einmal." Diese Schule braucht geeignete Räumlichkeiten im Viertel St. Georges, Place Pigalle… die neu errichteten Gebäude des unglücklichen Croizier werden unverzüglich freigemacht. Croizier wird um seinen Besitz gebracht; direkter Nutznießer ist die Familie Cavaillé-Coll. Das von Hippolyte Blanc geleitete Büro bearbeitet beide Dossiers gleichzeitig und trifft eine politische Entscheidung ("Amtsmißbrauch") zugunsten seines Schwagers, bevorzugter Auftragnehmer der Regierung. Der Bebauungsplan, das Durchbrechen der Rue de Rennes und die Umwälzungen, die Baron Haussmann im Stadtbild von Paris hervorruft, veranlassen Aristide Cavaillé-Coll, im Jahre 1866, in der avenue du Maine ebenfalls am linken Seine-Ufer gelegen, eine neue Bleibe zu suchen. Cécile Cavaillé-Coll beschreibt die schönsten Augenblicke im Hause Rue de Vaugirard 94-96.
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